Zitat des Tages

Zitat des Tages #17

15.06.15 | Permalink | Comment?

“Sie [die Diskurstheorie] verabschiedet überhaupt die bewusstseinsphilosophischen Denkfiguren, die es nahelegen, die Selbstbestimmungspraxis der Bürger einem gesamgesellschaftlichen Subjekt zuzuschreiben oder die anonyme Herrschaft der Gesetze auf konkurrierende Einzelsubjekte zu beziehen. Dort wird die Bürgerschaft wie ein kollektiver Aktor betrachtet, der das Ganze reflektiert und für es handelt; hier fungieren die einzelnen Aktoren als abhängige Varbiablen in Machtprozessen, die sihc blind vollziehen, weil es jenseits individueller Wahlakte keine bewusstvollzogene kollektiven Entscheidungen geben kann (es sei denn in einem bloß metaphorischen Sinne). Demgegenüber rechnet die Diskurstheorie mit der höherstufigen Intersubjektivität von Verständigungsprozessen” Jürgen Habermas, Drei normative Modelle der Demokratie, in: Die Einbeziehung des Anderen, Suhrkamp, 1996, S. 288.

Habermas Problembewusstsein für die Herausforderungen moderner Demokratietheorie ist passend, seine sich in der “höherstufigen Intersubjektivität” andeuetende Lösung bleibt leider hinter der Diagnose zurück.

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Gedankensplitter

The symbolisch generalisierte Anerkennungsmedium is the message oder wie geldgestützte wirtschaftliche Anerkennung den homo oeconomicus produziert

29.03.15 | Permalink | Comment?

Geld ist das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium (vgl. Luhmann), das die wirtschaftliche Anerkennung durch Leistung (vgl. Honneth) vermittelt. Die Ausdehnung der Wirtschaftslogik auf immer mehr Lebensbereich (vgl. Sandel) unterwirft immer mehr Beziehungen dem Anerkennungsmedium Geld. Dabei ist die Geldförmigkeit, das was dabei tatsächlich expandiert;  im Sinne des “The Medium is the message” (McLuhan), wird das Medium Geld zum eigentlichen Gehalt der Kommunikation. Die Geldförmigkeit meint die Durchsetzung der Logik des Tauschwerts gegenüber dem Gebrauchswert (vgl. Marx). Die menschlichen Beziehungen werden durch Geld auf den Moment des Tauschs reduziert. Die geldförmige Anerkennung in der Tauschbeziehung ist eine Interioritätsbeziehung, die mit einem existenziellen Ruck einen Wandel des Selbstverständnisses des Subjekts hervorruft (vgl. Sartre). Das Subjekt erfährt sich auf die zweckrationale Mittelabwägung reduziert. Was dabei passiert ist die Verwandlung des Menschen in den homo oeconomicus.

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Gedankensplitter

Demokratie und Gegenpressing – Strategien der Macht I

16.02.15 | Permalink | Comment?

Eine Fußballweisheit sagt: Unmittelbar nach Ballverlust die Chance auf Balleroberung am höchsten. Auf dieser Erkenntnis beruht das Gegenpressing, was ein direktes Anlaufen von Gegner und Ball nach dessen Verlust bedeutet.

In der Demokratie herrscht dagegen allgemein die Meinung vor, dass das Beste möglichst langer Machterhalt ist. Dabei ist die Chance auf einen großen Absturz umso größer, je länger der vorherige Machtbesitz dauerte. Man denke an die beiden Aufstiege der SPD nach Adenauer/Erhard/Kiesinger oder die Erfolge Schröders nach 16 Jahren Helmut Kohl. Langer Machterhalt senkt also die Chance schnell erneut an die Macht zu gelangen. Da Machtverlust in einer Demokratie unvermeidlich ist, ist langer Machterhalt evtl. höchst “kontraproduktiv”. Nach nur sieben Jahren Schröder konnte die SPD nur für eine Legislaturperiode aus der Macht verdrängt werden – auch wenn Sie sich hinter Merkels CDU in die zweite Reihe stellen mussten.

Sinnvoller könnte eine Strategie des politischen Gegenpressings sein und dabei auf schnellen Wiedergewinn der Macht und nicht so sehr auf langen Machterhalt setzen.  Insbesondere der lange Machterhalt einer großen Koalition könnte regelrechte Systemkrisen produzieren. Aus Mangel an Alternativen verschiebt sich die Mobilisierung in die Randbereiche der Demokratie und die Volksparteien drohen langfristig wie in Österreich ihren Status als erste und zweite Kraft einzubüßen.[1] Einen langfristigen Machtverlust beider Großparteien könnte für viele parlamentarische Demokratien jedoch lebensbedrohlich werden.

Vor diesem Hintergrund wird das politische Gegenpressing nicht nur zu einer politischen Strategie zum Machterhalt, sondern es wird zum normativen Leitprinzip für parlamentarische Demokratien. Ihre Selbsterhaltung kann nur gelingen, wenn der Machtverlust der beiden Machtoptionen nicht so groß wird, das sie keine Optionen mehr sind[2]. Und die politischen Parteien können am besten dadurch am Leben bleiben, dass sie risikofreudig mit der Macht umgehen, um nach Verlusten schnell wieder angreifen zu können.

[1] Diese Gedanken schließen an an die alte Frage: Sind Nichtwähler doch die wahren Demokraten?

[2] Über die notwendige Optionalität demokratischer Wahlen gibt es ein schönes Stück im Verfassungsblog anlässlich der Wahl Ramelows zum Thüringischen Ministerpräsidenten 2014, mit der These: “Wer zum Ministerpräsidenten gewählt werden will, muss scheitern können.”

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Zitat des Tages

Zitat des Tages #16

06.08.14 | Permalink | Comment?

“Heute entwickelt sich der ganze Globus zu einem Panoptikum. Es gibt kein Außerhalb des Panoptikums. Es wird total. Keine Mauer trennt das Innen vom Außen. Google und soziale Netzwerke, die sich als Räume der Freiheit präsentieren, nehmen panoptische Formen an. [...] Man liefert sich [...] freiwillig dem panoptischen Blick aus. Man baut geflissentlich mit am digitalen Panoptikum, indem man sich entblößt und ausstellt. Der Insasse des digitalen Panoptikums ist Opfer und Täter zugleich. Darin besteht die Dialektik der Freiheit. Die Freiheit erweist sich als Kontrolle” Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft, Matthes & Seitz Berlin, 2012, S.81f.

Dazu What Is Privacy? via @martinlindner

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Zitat des Tages

Zitat des Tages #15

05.08.14 | Permalink | Comment?

“Das Bedrohliche der Juden war wohl, dass sie Innen und Außen gleichermaßen repräsentierten, dass sie gleichzeitig Teil der eigenen Kultur waren und anderer Kulturen. [...] Noch mehr als die Konfrontation mit außereuropäischen kolonisierten Kulturen waren die Juden ein Hinweis auf die Kontingenz der Kultur, eben weil man ihre Andersartigkeit gegen die konkrete Empirie ihrer Ununterscheidbarkeit durchsetzen musste – denn sie waren gar nicht deutlich anders. als alle anderen anders waren.” Armin Nassehi, Bekannte Fremde, in: Süddeutsche Zeitung 28.07.2014.

 

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Zitat des Tages

Zitat des Tages: #14

14.03.14 | Permalink | Comment?

“Dass ich Wirkliches nicht in Denkbares auflösen kann, wird zum Triumph möglicher Freiheit. Paradox ausgedrückt: nur weil ich mich nicht selbst gemacht habe, bin ich frei; hätte ich mich selbst geschaffen, hätte ich mich selbst voraussehen können und wäre dadurch unfrei geworden. [... Freiheit kann] nur bestehen bleiben [...], wenn der Mensch nicht weiß, was das Sein eigentlich ist” Hannah Arendt, Was ist Existenzphilosophie, 1948, in: Sechs Essays, Stuttgart: Lambert Schneider: S. 76f; meine Hervorhebungen.

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Versuche im Verstehen

Ad Lewitscharoff: Reproduktion auf Bestellung; Versuche im Verstehen* #1

13.03.14 | Permalink | Comment?
Foto: Andy Miah, Quelle Lizenz: Creative Commons (cc)

Foto: Lesekreis, Quelle Lizenz: CC0 1.0 via Wikipedia Commons

*Ein Versuch im Verstehen ist keine Apologie, keine Affirmation. Ein Versuch im Verstehen ist eine Interpretation im Sinne eines kritischen Durchdenkens, es ist keine objektive Analyse des gesagten, noch ist es ein empathisches Sich-in-den-Autor-Hineinfühlen.

“Der Bestand besteht. Er besteht, sofern er auf ein Bestellen gestellt ist. In das Bestellen gewendet, ist er ein Verwenden gestellt. Das Verwenden stellt jegliche im vorhinein so, dass das Gestellte dem folgt, was erfolgt. So gestellt ist alles: in Folge von… Die Folge wird aber zum voraus als Erfolg bestellt. Der Erfolg ist jene Art von Folge, die selbst auf das Ergebnis weiterer Folgen abgestellt bleibt. Der Bestand besteht durch ein eigentümliches Stellen. Wir nennen es das Be-Stellen. [...] Ein Stellen fordert das andere heraus, befällt es mit Gestellung. Diese geht nicht im bloßen Nacheinander von Aktionen des Stellens vor sich. Die Gestellung geschieht ihrem Wesen nach insgeheim und im vorhinein. Nur deshalb ermöglicht die Gestellung eine von ihr benutzbare Planung und Maßnahme der einzelnen Vorhaben des besonderen Stellens. Worauf läuft aber nun die Verkettung des Bestellens zuletzt hinaus? [...] Sie läuft auf nichts hinaus; denn das Bestellt stellt nichts her, was außerhalb des Stellens ein Anwesen für sich haben könnte und dürfte. Das Be-Stellte ist immer schon und immer nur daraufhin gestellt, ein Anderes als seine Folge in den Erfolg zu stellen. Die Kette des Bestellens läuft auf nichts hinaus: sie geht vielmehr nur in ihrem Kreisgang hinein” (Heidegger, Bremer Vorträge 1949, S. 26ff.)

Sybille Lewitscharoffs Vortrag (hier zum Nachhören & Download, auf die Seitenzahlen des PDF-Dokuments werde ich mich im Folgenden bei der Zitation stützen) hieß: „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“. Schon dem Titel wurde in der Debatte wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei ist die Frage der wissenschaftlichen Machbarkeit bzw. korrekter der technisch-wissenschaftlichen Machbarkeit das Zentrum der Argumentation Lewitscharoffs, wie ich mit Verweis auf Heidegger versuchen will deutlich zu machen. Der Vortrag gliedert sich grob in die zwei Teile: (1) Tod und (2) Geburt; an dieser Gliederung will ich mich orientieren.

Zu (1): Ich beginne nocheinmal mit Heideggers Kritik am Ge-Stell, in der Hoffnung, dass die Analogie augenfällig wird:

“Was heißt ‘stellen’? Denken wir es zunächst vom Her-stellen aus. Der Tischler stellt einen Tisch her, aber auch einen Sarg. Das Her-gestellte deckt sich nicht mit dem bloß Angefertigten. Das ins Her Gestellte steht im Bezirk dessen, was uns angeht. Es ist her in eine Nähe gestellt. Der Tischler im Bergdorf verfertigt nicht eine Kiste für eine Leiche. Der Sarg ist im vorhinein hin-gestellt an den bevorzugten Ort des Bauernhofes, in dem der tote Bauer noch verweilt. Der Sarg heißt dort noch der Totenbaum. In ihm gedeiht der Tod des Toten. Dies Gedeihen bestimmt Haus und Hof, die dort Wohnenden und ihre Sippe und die Nachbarschaft. Anders ist alles in einer motorisierten Bestattungsindustrie der Großstadt. Hier wird kein Totenbaum hergestellt” (26). Das Geheihen des Todes ist Heideggers authentisches Sterben, die moderne Bestattungsindustrie ist ihre Perversion.

Auch Lewitscharoff geht es um eine Form des authentischen Sterbens, die allerdings deutlich stärker vom Jenseits geprägt ist, als beim Philosophen aus dem Schwarzwald. Ihr Vorbild im Sterben war ihre schwäbische Großmutter, die an einem Krebsleiden starb und und doch “zuversichtlich und ruhig, ohne ein erschreckendes Sterbetheater aufzuführen. [...] Sie bewahrte Würde, Zuversicht und Freundlichkeit und nahm dadurch dem Tod seinen Schrecken, nicht nur für sich selbst, sondern auch für uns, die wir im Leben nun ohne sie irgendwie durchkommen mussten” (4; meine Herv.), denn “Ihre einzige Sorge galt uns, denen die zurückbleiben würden” (ebd.). Auch hier gedeiht der Tod auf authentische Weise, es ist kein Theater – Lewitscharoffs wiederkehrende Metapher für die Inauthentizität ansich, insbesondere der restlichen Tode in ihrer Familie. Auch hier wird der Tod – neben der Erwartung des Jenseits – über die in der Welt verbliebenen bestimmt, wie das Gedeihen des Todes bei Heidegger auch “Haus und Hof, die dort Wohnenden und ihre Sippe und die Nachbarschaft bestimmt”; der Tod gedeiht ‘im Bewusstsein’, das Leben der zurückgebliebenen zu bestimmen. Lewitscharoffs beiden anderen Todes-Modelle lehnen sich beide gegen das Sein/die Schöpfung/den authentischen Tod auf. Ihr Vater mittels Selbstmord und ohne jede Vorsorge für die Familie (vgl. 4f). Der Vater stirbt ohne Sorge um die, die zurückbleiben. Die Mutter hingegen lehnte sich gegen den Tod auf und ihr “Todestheater [...] war ungeheuerlich”. Auch hier kann von einem authentischen Gedeihen kann Rede sein, beides ist für Lewitscharoff eine Perversion des Todes.

Das letzte Beispiel, das Lewitscharoff wählt, schlägt die Brücke zum zweiten Teil des Vortrags. Hier ist es die moderne Technik, die um der Technik willen, den authentischen Tod verhindert. Es wurde “ein aufwendiges Reanimationstheater aufgeführt” (5), das die Reanimierte in Verzweifelung zurückließ, bis ihr nur noch “der Wunsch [blieb], endlich, endlich in Ruhe gelassen zu werden und sterben zu dürfen” (ebd.). Es ist hier nicht die “Bestattungsindustrie” (Heidegger), die ein authentisches Gedeihen des Todes verhindert, sondern die “Reanimationsindustrie”, die doch nichts weiter als Industrie ist. Sie profitiert von jedem Reanimationsversuch und so führt der eine Reanimationsversuch nur in den nächsten, denn “der Erfolg ist jene Art von Folge, die selbst auf das Ergebnis weiterer Folgen abgestellt bleibt” (Heidegger: 26).

Außerdem schwingt in diesem technischen Herauszögern des Todes die Selbstermächtigung des Menschen über seine eigene Bedingtheit mit, die ebenfalls als Perversion der Schöpfung, als ihre Verformung im Ge-Stell modernen Gesellschaften wahrgenommen wird. Peter Sloterdijk, der sich in der Debatte um die Folgen der Gentechnik, der sog. “Menschenpark-Debatte“, in den späten 1990er Jahren. einmal ganz ähnlicher Abscheu wie Lewitscharoff ausgesetzt sah und auf den diese sich selbst explizit bezieht (vgl. 12), sagte in diesem Zusammenhang einmal: “Mir scheint, im Augenblick spielen wir eine spätantike Szene auf der modernen Bühne nach. Die eine Menschheitsfraktion tritt dabei als der Macher auf und die andere rebelliert dagegen. Die Differenz zwischen Schöpfergott und Erlösergott wiederholt sich in der Differenz zwischen Machermensch und – ja wie sollen wir den anderen nennen, vielleicht Hütermensch oder Heideggermensch, Schonungsmensch?” (Sloterdijk). Die Hirten des Seins, bestellen das Sein nicht, fordern es nicht heraus, sondern fördern seine natürliche Entfaltung. Im “Ge-Stell” heißt es ganz ähnlich: “Das bäuerliche Tun fordert den Ackerboden nicht heraus, es gibt vielmehr die Staat den Wachstumskräften anheim, es hütet sie in ihr Gedeihen” (27).

Zu (2): Die (vermeintlich) natürliche Entfaltung wird auch – und um diesen Punkt dreht sich schließlich die ganze Aufregung den Halbwesen-Debatte – in den modernen Reproduktionsmedizin verhindert. Es ist dieser Punkt an dem nahezu alle Kommentatoren in ihre eigenen Vorurteile gefallen sind und angestachelt durch die religiös-konservative Rhetorik, auf Lewitscharoffs Überzeugungen einschlugen statt sich ihre Argumentation anzugucken. Zu bequem ist es, die Lewitscharoff bei Sarrazin, der AfD, der katholischen Kirche – obwohl Lewitscharoff meines Wissens Protestantin ist – und allem reaktionärem Bodensatz, der die liberale Gesellschaft bedroht, verstauen zu können, um einer Auseinandersetzung mit ihrer Argumentation aus dem Weg gehen zu können.

Wie das Übergehen der Argumentation vonstattenging, lässt sich an der Kernvokabel des zweiten Teils von Lewitscharoffs Vortrag deutlich machen: Machinationen. Im Wörterbuch definiert als: “unlautere Handlung, um Vorteile zu gewinnen” (Wiktionary; meine Herv.). Das Vorteile gewinnen, gehört zur Definition, d.h. Machinationen sind Handlungen, in denen “die Folge [...] aber zum voraus als Erfolg bestellt [wird]” (Heidegger: 26). Ohne Heideggers Jargon, sind es instrumentelle Tätigenkeiten, die gänzlich durch ihre positive Folge, ihren Erfolg, den daraus entstehenden Vorteil getätigt werden. Das Schwelgen im eigenen Vorurteil lässt beispielhaft an Benedikt Sarreiters Artikel “Onan, der Barbar” aus der SZ nachvollziehen. Lewitscharoff schreibt: “Ich bin im Übrigen auch froh, nicht der Onanie und darauf folgenden komplexen medizinischen Machinationen meine Existenz zu verdanken” (10) und später führt sie aus, warum ihr das “drastische biblische Onanieverbot [...] inzwischen [...] geradezu als weise [erscheint]” (11): “Die Vorstellung, dass ein Mann in eine Kabine geschickt wird, wo er je nach Belieben, mit oder ohne Hilf von pornographischen Abbildungen stimuliert wird, seine Spermien medizingerecht abzuliefern, die später in den Körper der Frau praktiziert werden, ist mir nicht nur suspekt, ich finde sie absolut widerwärtig” (ebd.). Sarreiter folgert in einer rhetorischen Frage:  Lewitscharoff müsse sich schon fragen lassen, “warum sie hier den Begriff Onanie wählt, es hätte ja auch einfach Künstliche Befruchtung sein können. Wahrscheinlich um den Ekel vor den “Machinationen” noch zu steigern. Denn der wahre, der gute, vitale, gottgefällige Sex kann nicht der mit sich allein sein, sondern nur der zwischen zwischen Mann und Frau”. Sarreiter bleibt beim Ekel stehen. Dabei entsteht dieser nicht vor der Onanie an-sich, sondern aus dem Ge-Stell, in dem die technisch-wissenschaftliche Reproduktion stattfindet. Der Begriff der Machination, dient hier nicht dem Zuschaustellen intellektueller Erhabenheit, sondern zeigt rhetorisch auf den instrumentellen und dadurch entfremdeten bzw. unauthentischen Charakter der Sexualität in dieser Situation. Der Mann wird “geschickt” (1. Bestellung) um “mit Hilfe” (2. Bestellung) von Pornographie (auch eine Art Bestellung der Sexualität; 2b. Bestellung) sein Sperma “medizingerecht abzuliefern” (3. Bestellung), die später “in den Körper der Frau praktiziert” wird (4. Bestellung). Was hier deutlich wird ist die Kette des Bestellens, ihr Kreisgang, der das Ge-Stell bildet, der das Dasein der Menschen befällt, die Schöpfung pervertiert, das Sein verformt – wie auch immer man dieses Idee sprachlich fassen will. Heidegger zeigt diese Kette folgendermaßen:

“Das Wasserkraftwerk ist in den Strom gestellt. Es stellt ihn auf seinen Wasserdruck, der die Turbine stellt, sich zu drehen, welche Drehung diejenige Maschine umtreibt, deren Getriebe den elektrischen Strom stellt, durch den die Überlandzentrale und ihr Stromnetz zur Strombeförderung gestellt sind. Das Kraftwert im Rheinstrom, die Stauanlage, die Turbinen, die Dynamomaschinen, die Schaltanlage, das Stromnetz – all dieses und anderes ist nur, sofern es auf der Stelle zur Stelle steht, nicht um anzuwesen, sondern um gestellt zu werden und zwar einzig darauf, anderes zu stellen” (28)

Eben so, verhält es sich in der Darstellung Lewitscharoffs: Der Mann in der Kabine, die Pornos, die Spermien, die Praktik der künstlichen Befruchtung – all dieses und anderes ist nur, sofern es auf der Stelle zur Stelle steht, nicht um anzuwesen, sondern um gestellt zu werden und zwar einzig darauf, anderes zu stellen. An anderer Stelle heißt es: “Im Grunde liegt solchen Machinationen die Vorstellung zugrunde, Männer seien verzichbar, oder ihr Einfluss sei auf das Notwendigste zu reduzieren, eben auf ihren Samen” (12; meine Herv.). Alles ist nur Mittel, aber nicht zu einem Zweck, sondern zu einem weiteren Mittel. Der Ekel ist m.E. kein ästhetisch-reaktionärer, sondern ein ethischer. Schließlich ist Kants kategorischer Imperativ als praktischer Imperativ, so etwas wie die Basis moderner Ethik: “Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.” (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe Kant Werke IV, Walter de Gruyer 1968, S. 429, 10-12; zitiert nach Wikiquote). Die Mittel haben sich im Ge-Stell vollständig verselbstständig, es ist kein Zweck mehr da, als den sich jemand gebrauchen ließe.

Lewitscharoff lässt nicht einmal das Kind als Zweck gelten.  Denn für sie gilt: “Wer sein Wunschkind anhand gewisser Merkmale aussucht, hat präzise Vorstellungen, wie so ein Kind werden soll” (13). Darin kommt “eine ungebremste Vorausberechnungs- und Definitionsgier gegenüber dem eigenen Kind zum Ausdruck, womit dubiose Firmen ihr Geschäft betreiben” (ebd.), hier wird (erneut), “die Folge [...] zum voraus als Erfolg bestellt” (Heidegger: 26). Für sie ist die Verantwortung, die Folge einer solchen Selbstermächtigung ist, die Verantwortung, die daraus erwächst sein Schicksal (vermeintlich) selbst in die Hand nehmen zu können und “keine höhere Macht mehr anzuerkennen als nur die Macht des Menschen” (Lewitscharoff: 13), für einen Menschen nicht tragbar: “Bleibt nur ein Mensch für diese Verantwortung übrig, nämlich die Mutter, ist der krankmachende Schaden für ein Kind fast programmiert” (ebd.). Letztlich argumentiert Lewitscharoff hier gegen die neoliberale Ideologie jeder sei seines Glückes Schmied, die sie im Schmieden am eigenen Körper verwirklicht sieht – nicht zufällig geht der Neoliberalismus eines Robert Nozick in liberaler Tradition von Hobbes kommend vom self-ownership aus, dem Eigentum an der eigenen Person und der Verfügungsgewalt über den eigenen Körper. Mit ihrer Lösung ist Lewitscharoff dann folglich ebenfalls ganz bei Heidegger: “Heiteres Gewährenlassen und nicht über alles, wirklich alles bestimmen zu wollen, ist geradezu der Garant für ein in Maßen gelingendes Leben” (ebd.). Dabei wird einen heiteres Gewährenlassen vor dem Strom der Zeit nicht schützen, wird in einer durchkapitalisierten Welt, keine Oase authentischen Lebens ohne Theater errichten können und liefert so keine Antworten auf die ethischen Probleme, die die Reproduktionsmedizin zweifellos mit sich bringt.

Weil für Lewitscharoff die moderne Reproduktionsmedizin nur ein Bestellung wie andere ist, kann sie sagen: “angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor” (12) wie Martin “Nur ein Gott kann uns retten” Heidegger aus seiner Kritik am Ge-Stell folgern konnte: “Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blocke und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben” (27). Beidem liegt die gleiche fatale Verkürzung zu Grunde, der jede Abweichung vom reinen Hüten des Seins, nur unterschiedslos als Perversion der Schöpfung oder als Befall des Seins, als die Degeneration des Seins begreift und so die Differenziertheit modernen Gesellschaften nicht verstehen, sondern nur als Bedrohung wahrnehmen kann. Es ist richtig, dass wenn gegenüber Menschen und ihrem ‘Befallen Sein’ die “Abscheu [...] stärker als die Vernunft [ist]” (Lewitscharoff: 13), diese “vernunftslose Verachtung [...] de[n] Ursprung für Hass auf alles Andere und Abweichende, für Rassismus und Homophobie [bildet]” (Schalansky), wie sie sich auch in Heideggers Antisemitismus äußert. Doch Abscheu gegenüber Abscheu bleibt nichts destotrotz Abscheu und den Versuch im Verstehen schuldig.

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Zitat des Tages

Zitat des Tages: #13

09.03.14 | Permalink | Comment?

“erklären, d.h. …. auf jenes Klare zurückführen, als welches Klare wir unversehens all das ausgeben, was uns ohne weiteres und gewöhnlich bekannt ist und gemeinhin als das Fraglose gilt” Martin Heidegger, Bremer Vorträge 1949, S. 31

 

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Besprechung

Ad Guy Kirsch: Die Aporie des Mitfühlenden Liberalismus

23.02.14 | Permalink | Comment?

Guy Kirsch, Professor für Neue Politische Ökonomie an der Universität Fribourg (Schweiz), schreibt unter dem Titel “Ist der Liberalismus unmenschlich?” für die F.A.S. eine Apologie des Liberalismus, wie ihn die Ordoliberalen seit Jahrzehnten vorbringen. Credo: Liberalismus braucht Ordnung, sonst sei er kein Liberalismus. Soweit so klar, nur: Das Problem, das sich Kirsch am Anfang seines Artikels stellt, lässt sich so nicht lösen: Der Verlust der Menschlichkeit, die Entfremdung des Menschen im Liberalismus bzw. die Tatsache, “dass die Menschen einander so sehr entfremdet werden, dass sie sich nicht mehr als Menschen und Mitmenschen wahrnehmen, ja, dass sie sich selbst als Menschen abhandenkommen” (Kirsch).

Dabei ist das natürlich so gewollt. Der Liberalismus schreibt sich schließlich nicht erst seit der Multikulturalismus Debatte des ausgehenden 20. Jh. auf die Fahnen, vom konkreten Hintergrund des Einzelnen abzusehen und so seine Integration in die Gesellschaft zu ermöglicht: Markt statt Stände oder Kultur. Ich muss meinen Gegenüber gerade nicht persönlich schätzen, um mit ihm umgehen zu können.  Das Problem mit der “Menschlichkeit” im Liberalismus ist, dass sie nicht gewollt ist.

Da hilft es auch nicht, das Kirsch nun Adam Smith ins Feld führt, der das Problem schon erkannt habe und natürlich auch eine Lösung anzubieten hat:

“Smith geht davon aus – und er ist bis heute nicht widerlegt worden -, dass der Mensch die Fähigkeit hat, am Leid des anderen zu leiden und sich gut zu fühlen, wenn sich dieser gut fühlt. Der Mensch ist also empathiefähig.” (Kirsch)

Es ist das Mitleid, das als Rettungsanker ausgemacht ist – nicht zufällig auch bei dem großen Anti-Liberalen Jean Jacques Rousseau das Allheilmittel zur Kur der Gesellschaft. Zu diesem Mitleid – auch eine Erkenntnis, die Kirsch/Smith mit Rousseau und vielen der modernen Kommunitaristen teilen – ist jedoch Nähe notwendig: “Es darf zwischen ihnen keine zu große räumliche, zeitliche, psychologische, soziale Distanz bestehen” (Kirsch). Es ist die Aporie des Liberalismus, dass er von der Nähe (dem kulturellen oder sozialen Hintergrund des Einzelnen) absehen will und doch nicht ohne ihn auskommt. Das Resultat muss – in einer ausdifferenzierten Gesellschaft – unweigerlich chauvinistisch sein. Die Nähe, die Basis für die Abstraktion von ihr ist, kann nur für die eigene Gruppe hergestellt werden – die dazu immer kleiner wird. Anderen bzw. Fernen oder Fremden gegenüber kann deshalb keine Gleichberechtigung hergestellt, sie kann ihnen höchstens aus einer Position der Stärke gewährt werden.

Ohne vom auf kulturelle, soziale Nähe basierenden Mitleid abzusehen, ist eine Gesellschaft die Differenz aushält und dennoch ihre Mitglieder zu integrieren vermag nicht zu denken.

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Wirklichkeit, Wirkung und Widerständigkeit; Übungen zur Erkenntnistheorie I

22.02.14 | Permalink | Comment?

In seinem Aufsatz “Erkenntnis und Gestaltung der Wirklichkeit: Die Suche nach einer besseren Welt” (1987) schreibt Karl Popper:

“Als [...] der anglikanische Bischof George Berkeley [...] die Wirklichkeit von materiellen Körpern leugnete, sagte Samuel Johnson ‘Ich wiederlege ihn so’, und stieß mit seinem Fuß mit aller Macht gegen einen Felsblock. Es ist der Widerstand des Felsblocks, der die Wirklichkeit der Materie zeigen sollte. [...] Ein Kind lernt, was wirklich ist, durch die Wirkung, durch den Widerstand. [...] Wirklich sind vor allem feste Gegenstände, die uns entgegenstehen, entgegenwirken” (19; Herv. i:O.).

Wirkung als primäres Kriterium für Wirklichkeit erscheint mir weit weniger objektivistisch als man Popper gemeinhin unterstellt. Wendet man diesen auf die materielle Welt bezogene Ansatz auf die Gesellschaft, ist der Weg zum Konstruktivismus kurz; geht doch das Thomas-Theorem als Ausgangspunkt des modernen Konstruktivismus/Relativismus von einem ganz ähnlichen Grundkriterium aus:

„If men define their situation as real, they are real in their consequences“ (Thomas/Thomas 1928: 572).

Was nichts anderes heißt, als das sich die Wirklichkeit einer Situation an ihrer Wirkung bzw. Konsequenzen bemisst. Wirklich am Stein ist, dass er dem Tritt entgegenwirkt, ihm Widerstand leistet. Die soziale Wirklichkeit wird ebenfalls wirklich durch ihre Wirkung, ihre Widerständigkeit.

Wirklichkeit ist Widerständigkeit.

tbc.

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